Es gibt Träume, die einen nicht mehr loslassen. So erging es dem Schweizer Hans Maurer im Jahr 1956, als er eines Nachts ein WC mit integrierter Duschfunktion vor sich sah. Aus dem Traum wurde eine Vision: Hans Maurer entwickelte den Closomat, das erste „Dusch-WC“ der Welt. Ein Rückblick auf mehr als 60 Jahre feucht-fröhliche WC-Geschichte.

Die Geschichte des Closomats: Vom Gartenstuhl mit Föhn zum High-End-Produkt

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Vom Plumpsklo zum „Dusch-WC“

Als Bauernsohn war der gelernte Maschinenzeichner Hans Maurer noch mit einem Plumpsklo am elterlichen Hof aufgewachsen. Ein Missstand, der ihm buchstäblich zum Himmel stank. Zwar wurden Plumpsklos ab den 1940er-Jahren sukzessive durch Wassertoiletten ersetzt. Doch eines hielt sich hartnäckig, nämlich die obligatorische Papierrolle neben der Schüssel. In den Worten Hans Maurers eine ziemlich „bescheuerte“ Angelegenheit: „Weil Papier mehr verschmiert als reinigt. Weil es uns wund reibt, statt sauber macht. Weil wir uns dabei auch noch die Hände schmutzig machen.“

Im Traum sah Hans Maurer die bessere Lösung plastisch vor sich: Ein WC mit integrierter Dusche, welche die Rückstände des „grossen Geschäfts“ elegant wegspült. Als der damals 38-jährige Familienvater am nächsten Morgen erwachte, fasste er einen folgenreichen Entschluss: Dieser Traum sollte Wirklichkeit werden.

Der Closomat-Prototyp: Ein Gartenstuhl mit Loch und Haarföhn

Von nun an tüftelte er nahezu Tag und Nacht an der Idee. Ehefrau Lilly, von der Idee anfangs nicht sonderlich angetan, half mit. In der Garage entstand das erste Versuchsmodell: ein ausrangierter Gartenstuhl mit einem Loch in der Mitte. An einem Stuhlbein wurde ein Gartenschlauch befestigt, am anderen Bein ein Haarföhn – das war die Basis für die ersten Experimente. Es sollte noch zwei Jahre dauern, bis alle technischen Probleme gelöst waren und das weltweit erste „Dusch-WC“ zum Patent angemeldet wurde.

Closomat: Die Waschmaschine für den Allerwertesten

Hans Maurer taufte seine Erfindung auf den Namen „Closomat“ – eine Wortschöpfung aus „Closet“ und „Automatic“. Das Zeitalter der Haushaltsmaschinen war in Europa gerade erst angebrochen. Waschmaschinen waren beim Weitem noch keine Selbstverständlichkeit. Und nun auch noch eine Waschanlage für den Po? Die Idee stiess auf Skepsis, vom ersten Closomat-Prototyp wurden zunächst nur 300 Modelle verkauft. Doch Hans Maurer war weiter von seiner Erfindung überzeugt.

Hygiene und Wohlbefinden auf Knopfdruck

Die medizinischen Argumente hatte er auf seiner Seite. Heute empfehlen zahlreiche Ärzte die Wasserreinigung nach dem Stuhlgang, weil sie schonender und hygienischer ist als das verbreitete „Wischen“ mit Paper. Vor allem Patienten mit Beschwerden im Analbereich profitieren davon. Der Closomat war für Hans Maurer von Beginn an mehr als ein blosses Sanitärprodukt, er wollte damit einen Beitrag zu einem Kulturwandel leisten.

Doch Intimhygiene war in den 1950er-Jahren noch kein salonfähiges Thema, viele Menschen waren von der Idee eines „Dusch-WCs“ peinlich berührt. Erst mit der sexuellen Revolution der 1968er-Jahre begann sich die Einstellung zur Körperlichkeit langsam zu ändern – und damit lief auch das „Geschäft mit dem Geschäft“ langsam, aber sicher an.

„Dusch-WC“ wird erstmals „Standard“

Während es der Closomat-Prototyp am Schweizer Markt noch schwer hatte, lancierte das Unternehmen mit dem Nachfolgermodell „Standard“ erste wirtschaftliche Erfolge. Zwischen 1961 und 1976 wurden von dem Modell rund 10.000 Stück verkauft. Nach und nach wurde das „Dusch-WC“ einer breiten Öffentlichkeit bekannt. „Closomat“ etablierte sich als Gattungsbegriff – ähnlich wie wir heute „Nutella“ sagen, wenn wir Nuss-Nougat-Creme meinen.

Von nun an ging es mit dem Closomat stetig bergauf. Auch über die Grenzen der Schweiz hinaus fand der Closomat Anklang. Bereits in den 1960er-Jahren wurden Modelle nach Deutschland, Schweden und Grossbritannien exportiert. 1968, zugleich mit dem 10-jährigen Firmenjubiläum, kam das neue Modell „Atlantic“ heraus. Vier Jahre später trat das Modell „Samoa“ in den Markt ein, das bis 2005 rund 22.000 mal über den Ladentisch wanderte.

Japaner von „Dusch-WC“ begeistert

Seinen grossen Durchbruch schaffte das „Dusch-WC“ indessen in Japan. Während einer Mustermesse in den 1960er-Jahren nahm eine japanische Delegation den Closomat genauestens in Augenschein. Wenige Jahre später tauchte auf dem japanischen Markt ein baugleiches Modell auf. Im technikverliebten Japan nahm die Weiterentwicklung des „Dusch-WCs“ allerdings bald eine andere Richtung als in Europa. Es wurde dort mit mehr und mehr Zusatzfunktionen ausgestattet – beispielsweise mit Sitzheizungen oder einer sogenannten „Geräuschprinzessin“, die mögliche peinliche Geräusche am WC übertönen soll.

Für europäische Massstäbe sind japanische Washlets heute eine ziemlich komplizierte Angelegenheit. Bis zu 20 Knöpfe machen aus dem Alltagsgegenstand eine Art Computer, der ohne Anleitung schwer zu durchschauen ist.

In Europa punktet dagegen eher das Motto „Weniger ist Mehr“. Zwar wurde der Closomat laufend technisch verfeinert und mit Zusatzfunktionen wie Wellness-Anwendungen ausgestattet. Doch nach wie vor sind die Modelle vergleichsweise einfach und intuitiv zu bedienen.

Fit für das neue Jahrtausend: Wellness-Trends und Pflege-Revolution

Im Jahr 1983 zog sich Firmengründer Hans Maurer zurück und übergab das florierende Unternehmen an seinen Sohn Peter. Die Umsatzzahlen wuchsen von nun an stetig, und im Jahr 1995 wurde der 100.000. Closomat produziert.

Seit der Jahrtausendwende waren es vor allem zwei gesellschaftliche Trends, welche für die Weiterentwicklung des Closomats massgeblich waren: die steigenden Ansprüche an Körperhygiene und Wohlbefinden und unsere immer höhere Lebenserwartung.

Die Antwort auf Trend Nummer Eins ist das Closomat-Modell Allegra. Es vereint eine unübertroffene Reinigungsleistung mit einem ausgeklügelten Hygienesystem sowie verschiedenen Wellness-Anwendungen. Das „stille Örtchen“ wird damit zur Wohlfühl-Oase.

Darüber hinaus hat der Hersteller Closemo mit seiner Linie „Care“ auch auf den steigenden Pflegebedarf in unserer modernen Gesellschaft reagiert. Denn gerade für ältere oder körperbehinderte Menschen ist der Closomat ein wahrer Segen: Sie ermöglichen es, so lange wie möglich selbstständig die Toilette zu benutzen und so ein wichtiges Stück Lebensqualität und Würde zu bewahren. Auch für Pflegende bedeuten „Dusch-WCs“ mit optionalem Zubehör wie Aufstehhilfen und Liftern eine grosse Erleichterung. Immer häufiger sind barrierefreie „Dusch-WCs“ daher auch in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern zu finden.

Vom Gartenstuhl mit Föhn zum High-End-Produkt: Der Closomat hat in den letzten 60 Jahren eine eindrucksvolle Entwicklung hingelegt! Es handelt sich nicht um ein „Dusch-WC“ unter vielen, sondern um das Original – gerne kopiert, aber in dieser Qualität nie erreicht.