Zwar geniesst das Schweizer Pflegesystem international einen guten Ruf, doch hinter den Kulissen rumort es gewaltig: In vielen Einrichtungen ist die Fluktuation hoch, offene Stellen können nur schwer nachbesetzt werden. Doch um dem Fachkräftemangel in der Pflege zu begegnen, ist der Ruf nach politischen Veränderungen zu wenig. Auch die Institutionen selbst sind gefordert. Sie müssen sich als attraktive Arbeitgeber am Markt positionieren, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen und langfristig zu halten. Was Heimleitungen dem Fachkräftemangel in der Pflege entgegensetzen können.

Fachkräftemangel in der Pflege © Photographee.eu/Shutterstock.com

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Zauberwort emotionales Commitment

Sie fühlen sich ausgebrannt, demotiviert, zermürbt: Laut einer Umfrage der Gewerkschaft Unia will fast die Hälfte der Pflegenden ihren Beruf aufgeben. Warum viele (vorerst) dennoch bleiben? Oft, weil es ihnen an Alternativen mangelt oder weil sie fürchten, einmal erworbene Positionen oder Privilegien zu verlieren. Bietet sich ihnen eine attraktive Chance das Unternehmen zu verlassen, dann tun sie es.

Arbeitspsychologen forschen seit Jahrzehnten daran, wie es Institutionen gelingt ihre Mitarbeiter zu halten. Im Kern ist es die emotionale Bindung an den Arbeitgeber, das sogenannte affektive Commitment, dass Mitarbeiter bei der Stange hält. Angestellte, die sich ihrem Arbeitnehmer verbunden fühlen, leisten mehr und engagieren sich aus Überzeugung. Und: Sie sind auch eher bereit, unvermeidbare Belastungen zu tolerieren.

Was Arbeitgeber attraktiv macht – die Schlüsselfaktoren

Emotionale Bindung ist ein Prozess, der wachsen muss. Sie als Arbeitgeber können lediglich die nötigen Voraussetzungen dafür schaffen. Um dem Fachkräftemangel in der Pflege zu begegnen sind drei Faktoren bzw. Ebenen entscheidend:

  • die Unternehmenskultur
  • das Team-Klima
  • die Arbeitsbedingungen

Unternehmenskultur: Wie „sozial“ ist Ihre Einrichtung?

Es ist paradox und doch weit verbreitet: Zahlreiche soziale Einrichtungen setzen ihre Mitarbeiter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen aus. Oft aus Geld- und Sachzwängen, doch das macht es kaum besser. Der Pflege- und Sozialbereich stellt per so hohe Anforderungen an Arbeitnehmer, psychisch ebenso wie körperlich. Doch wer kümmert sich um die professionellen Kümmerer? Antwort: Sie als Arbeitgeber müssen das tun. Es ist die erlebte Fürsorge, die Wertschätzung und der Respekt, die Mitarbeiter an Ihr Unternehmen bindet. Ihre Mitarbeiter müssen sich sicher sein, dass Sie als Heimleitung wirklich Sorge für ihr Wohlergehen tragen.

Das bedeutet erstens, für zumutbare Arbeitsbedingungen zu sorgen und aktiv in den Gesundheitsschutz Ihrer Mitarbeiter zu investieren. Im Schnitt bleiben Pflegende nur 12 Jahre in ihrem Beruf. Gesundheitliche und psychische Belastungen sind ein zentraler Ausstiegsgrund. Es besteht also dringender Handlungsbedarf!

Das bedeutet aber auch, die Arbeit Ihrer Mitarbeiter entsprechend zu würdigen. Durch den konstanten Spardruck wird vielen Pflegenden implizit oder explizit die Botschaft vermittelt, dass Ihre Leistung nie genug ist: Es sollte immer noch effizienter, noch zeitsparender und noch kostengünstiger gehen. Das Hamsterrad dreht sich schneller und schneller, was Beschäftigte auslaugt und frustriert.

Würdigen Sie daher, was Ihre Mitarbeiter bereits jetzt tagtäglich leisten und welchen Belastungsfaktoren sie ausgesetzt sind! Je stärker sich Ihre Mitarbeiter von Ihnen als Arbeitgeber wertgeschätzt und unterstützt fühlen, desto eher kann sich emotionale Bindung aufbauen.

Team-Klima: Miteinander statt Gegeneinander

Die Menschen, mit denen wir uns täglich umgeben, haben grossen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Das gilt auch und vor allem am Arbeitsplatz. Ein herzliches, respektvolles Team-Klima kann die Bindung zum Arbeitgeber erheblich verstärken, eine vergiftete Atmosphäre dagegen zu Minderleistung und hoher Fluktuation führen.

Mit Ihrem Führungsverhalten haben Sie Einfluss auf die Stimmung im Team. Fühlen sich alle gerecht behandelt oder gibt es „Liebkinder“ der Heimleitung? Kommunizieren Sie klar, warum Sie einzelnen Mitarbeitern Privilegien einräumen – etwa flexiblere Arbeitszeiten, wenn diese zu Hause Angehörige zu versorgen haben? Gewähren Sie neuen Team-Mitgliedern eine ausreichend lange Einarbeitungszeit und stellen Sie ihnen erfahrene Mentoren zur Seite?

Wichtig: Greifen Sie bei einem Clinch im Team rechtzeitig ein. Bei wiederkehrenden Konflikten lohnt sich oft auch eine externe Supervision.

Arbeitsbedingungen: Wie „gesund“ kann Pflege sein?

Die hohen körperlichen und psychischen Anforderungen sind mit ein Grund für den Fachkräftemangel in der Pflege. Laut einer Umfrage der Gewerkschaft Unia fühlen sich 86 Prozent der Pflegenden häufig müde und ausgebrannt, 72 Prozent leiden regelmässig unter körperlichen Beschwerden.

Um Mitarbeiter langfristig zu binden, zählt es zu den zentralen Herausforderungen, für „gesunde“ Arbeitsbedingungen zu sorgen. Körperliche Belastungsfaktoren wie schweres Heben und Tragen und Arbeiten in Zwangshaltung lassen sich in der Pflege zwar kaum zur Gänze vermeiden, aber durch geeignete Hilfsmittel doch auf ein erträgliches Mass reduzieren.

Insbesondere Hebelifter und Aufstehhilfen entlasten das Pflegepersonal im Bereich der Altenpflege und sollten daher unbedingt in ausreichender Anzahl auf allen Stationen vorhanden sein! Auch mit Dusch-WCs haben zahlreiche Heime gute Erfahrungen gesammelt. Sie erleichtern Pflegenden die oft als belastend wahrgenommene Intimhygiene und verringern insgesamt den Arbeitsaufwand.

Faktor Zeit: Wenn Pflege zur Akkord-Arbeit gerät

Ein weiterer alarmierender Befund: 70 Prozent aller Pflegenden fühlen sich bei ihrer Arbeit unter Dauerstress. Chronischer Personalmangel zählt in vielen Einrichtungen zum Alltag. Anwesende Mitarbeiterinnen sind oft rund um die Uhr mit zeitaufwendigen Routine- und Dokumentationstätigkeiten beschäftigt. Diese Situation belastet sowohl Klienten und Heimbewohner als auch Pflegende enorm. Ein ausreichender Personalschlüssel wäre ein Weg aus dem Dilemma. Häufig können bereits effizientere Arbeitsabläufe durch die Bereitstellung geeigneter Hilfsmittel die Situation entschärfen. Eventuell kann das Pflegepersonal auch durch Verwaltungskräfte oder ehrenamtliche Helfer entlastet werden.

Trotz Fachkräftemangel in der Pflege: „Dienst auf Abruf“ vermeiden

Haben Institutionen mit Personalmangel zu kämpfen, wirkt sich das oft auch auf die Arbeitszeit-Gestaltung aus. Krankenstände oder Urlaube führen rasch dazu, dass die ohnehin bereits dünne Personaldecke reisst und die Mehrarbeit auf andere Kollegen zurückfällt. Häufig werden Mitarbeiterinnen in ihrer Freizeit kontaktiert und einberufen oder umgekehrt nach Hause geschickt, wenn weniger zu tun ist. Schleichend stellt sich so eine Art „Dienst auf Abruf“ ein, was für Angestellte äusserst frustrierend und zermürbend ist!

Als Heimleitung müssen Sie sicherstellen, dass Dienstpläne eingehalten werden und Extra-Dienste die absolute Ausnahme bleiben. Viele Betriebe greifen bei Engpässen etwa auf Leihkräfte zurück, um unzumutbare Belastungen des Stammpersonals zu verhindern.

Dauerbrenner: Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Zu den grossen Herausforderungen zählt auch im Pflegebereich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Mehrheitlich sind in der Pflege Frauen beschäftigt, die nach wie vor den Hauptanteil an Kindererziehung und Pflege von Angehörigen leisten. Flexible Arbeitszeitmodelle, grosszügige Urlaubsregelungen oder auch betrieblich organisierte Kinderbetreuungsangebote tragen entscheidend dazu bei, diese doppelbelasteten Mitarbeiterinnen an die Einrichtung zu binden.

Zukunftsfit trotz Fachkräftemangel in der Pflege

Der Fachkräftemangel in der Pflege – und damit der Wettbewerb um gute Mitarbeiterinnen – wird sich aufgrund der demografischen Entwicklungen in Zukunft eher noch verschärfen. Um dafür gewappnet zu sein, können Sie als Institution nur eines tun: Ein attraktiverer Arbeitgeber werden als konkurrierende Einrichtungen. Schaffen Sie daher die nötigen Voraussetzungen dafür, dass Ihre Mitarbeiterinnen gerne bei Ihnen arbeiten und sich Ihnen verbunden fühlen!