Unser Darm hat ein Imageproblem: Seine „Produkte“ gelten oft als ein wenig peinlich und anrüchig. Das ist schade, denn eine gesunde Verdauung hat immensen Einfluss auf unser Wohlbefinden! Wissenschaftler beginnen gerade erst zu verstehen, wie komplex das Zusammenspiel zwischen Darm, Umwelt und Gesundheit tatsächlich ist. 10 Fakten zur Verdauung, die Sie vielleicht überraschen werden.

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1. Der Darm ist die grösste Oberfläche unseres Körpers

Jeder Bissen, den wir zu uns nehmen, legt eine Strecke von rund 6 bis 8 Meter zurück, bevor wir uns seiner Reste am „stillen Örtchen“ entledigen. Auf der Reise durch Magen und Darm wird das Stückchen Apfel oder Steak mithilfe von Verdauungssäften in winzige Teile aufgespaltet. Um diese effizient aufzunehmen, ist enorm viel Platz nötig: Würde man ihn glattstreichen, brächte es unser Dünndarm auf eine gigantische Fläche von locker 40 m2! Zum Vergleich: Unsere Hautoberfläche misst „nur“ rund 2 m2.

Wie ist eine derart grosse Fläche auf so engem Raum möglich? Der Clou liegt in der besonderen Struktur der Darmschleimhaut: Neben ihren sichtbaren Falten besitzt sie auch winzige Ausstülpungen, sogenannte Zotten. Unter dem Mikroskop erkennt man, dass auf jeder einzelnen Zotte wiederum winzige Ausstülpungen sitzen. So funktioniert Oberflächen-Vergrösserung in Perfektion!

2. Unser Darm ist ein wahrer Muskelprotz

Schlaff und unstrukturiert – so präsentieren sich die meterlangen Darmschlingen auf den ersten Blick. Doch dieser Eindruck täuscht. In Wirklichkeit verfügt unsere Darmwand über eine kräftige Muskulatur: Mehrere 100 Millionen Muskelzellen sorgen für eine geregelte Verdauung, indem sie den Nahrungsbrei durch koordinierte Bewegungen vorwärts schieben. Die Dickdarm-Muskulatur legt dabei auch mal den Rückwärtsgang ein. Denn die unverdaulichen Nahrungsreste werden im Dickdarm zunächst gesammelt, bevor sie „in einem Stück“ Richtung Schliessmuskel wandern. Sonst müssten wir laufend aufs Klo.

3. Mehr als 100 Millionen Nervenzellen steuern die Verdauung

Neben Muskeln besitzt unser Darm auch jede Menge Nervenzellen. Sie steuern die Verdauung, ohne dass wir bewusst daran denken müssen. Die Verschaltungen der Nervenzellen im Darm sind ähnlich komplex wie jene im Gehirn! Deshalb sprechen viele Forscher auch vom „Bauchhirn“. Denn das Nervensystem im Darm arbeitet völlig selbstständig, ohne auf Signale des „Kopfhirns“ zu warten. Nur den Schluckvorgang und die Arbeit des Schliessmuskels können wir zum Glück bewusst steuern.

4. Darm und Hirn arbeiten im Team

Obwohl sie unabhängig voneinander arbeiten können, kommunizieren die beiden Kollegen „Kopfhirn“ und „Darmhirn“ über Nervensignale und Botenstoffe laufend miteinander. Besonders ausgeprägt ist die sogenannte Darm-Hirn-Achse bei Säuglingen: Hunger oder Blähungen bringen uns in diesem Alter buchstäblich zum Schreien. Als Erwachsene diktieren die Signale aus dem Darm zwar weniger unmittelbar unsere Stimmung. Doch wie Forscher herausgefunden haben, können Störungen der Darm-Hirn-Achse zu zahlreichen lästigen Beschwerden führen: So ist bei Menschen mit Reizdarm-Syndrom offenbar die Reizschwelle dauerhaft herabgesetzt, schon kleinste Zipperlein im Darm werden unmittelbar an das Schmerzzentrum im Gehirn gemeldet. Deshalb klagen diese Personen – völlig zu Recht – über Probleme mit der Verdauung, obwohl ihr Darm keine echten Verletzungen oder Schäden aufweist.

5. Liebe geht durch den Magen? Glück geht durch den Darm!

Die berühmten „Schmetterlinge im Bauch“ könnten einen durchaus realen Hintergrund haben. Denn unsere Darmzellen produzieren mehr als 20 Hormone, darunter auch das sogenannte „Glückshormon“ Serotonin. Seine wichtigste Aufgabe im Darm ist die Steuerung der Muskulatur. Ob und wieviel davon ins Gehirn gelangt, ist derzeit noch ungeklärt.

6. Wir besitzen mehr Darmbakterien als Körperzellen

Die Verdauung ist im Detail eine höchst komplexe Aufgabe. Um sie zu bewältigen, beschäftigt unser Darm eine Heerschar an Akkordarbeitern: Geschätzte hundert Billionen an Kleinstlebewesen (Mikroorganismen) halten sich dauerhaft im Darm auf. Das sind etwa 10 mal mehr Lebewesen, als unser Körper an Zellen besitzt! Ihre Gesamtheit nennt man auch „Mikrobiom“. Diese Kleinstlebewesen helfen dabei, die Nahrungsbestandteile aufzuspalten, und einige von ihnen können sogar Vitamine produzieren. Darüber hinaus schützen sie uns vor Krankheitserregern. Denn wenn „gute“ Darmbakterien jeden verfügbaren Winkel besetzen, bleibt für ihre „schlechten“ Kollegen schlicht kein Platz mehr.

7. Eine gesunde Darmflora hält uns schlank…

Wenn der Hosenbund kneift, könnten möglicherweise auch die „falschen“ Darmbakterien schuld an der Misere sein. Denn wie Forscher herausgefunden haben, weisen übergewichtige Menschen in ihrer Darmflora einen erhöhten Anteil an Mikroorganismen der Gattung Bacteroides auf. Verabreicht man Labormäusen diese Darmbakterien, dann werden auch sie rasch übergewichtig. Für unsere Urgrosseltern mag so eine Darmflora ein Überlebensvorteil gewesen sein. In Zeiten des Überflusses können wir auf „zufütternde“ Mikroorganismen hingegen gerne verzichten.

Jene Darmbakterien, die bei schlanken Menschen häufig gefunden werden, ernähren sich übrigens am liebsten von Ballaststoffen. Obst, Gemüse und Vollkornprodukte haben somit gleich einen doppelten Schlankmacher-Effekt: Sie liefern weniger Kalorien und halten uns zugleich die Moppel-Bakterien vom Leib.

8. … und macht uns möglicherweise stressresistenter

Menschen mit einer „guten“ Darmflora sind möglicherweise auch entspannter, wie die Arbeiten eines japanischen Forscherteams nahelegen: Die Wissenschaftler verabreichten Studenten, die sich auf eine Prüfung vorbereiteten, täglich eine Portion Milchsäurebakterien (Laktobazillen). Die Folgen waren verblüffend: Sie schliefen trotz Prüfungsstress besser und fühlten sich nach dem Aufwachen erholter als ihre Kollegen, die ein Placebo zu sich nahmen.

9. Der Darm ist die wichtigste Abwehrfront unseren Körpers

Über 70 Prozent unserer Immunzellen befinden sich im Darm. Das hat mehrere gute Gründe: Zum einen lauern in unserer Nahrung jede Menge potentielle Krankheitserreger. Zum anderen bietet unser Darm perfekte Bedingungen für ein „Trainingscamp“. Denn bevor Immunzellen auf die Jagd nach Übeltätern gehen, müssen sie zunächst lernen, zwischen eigenen und fremden Zellen zu unterscheiden. Sonst würden sie versehentlich körpereigene Strukturen angreifen. Der Darm mit seinen Billionen an Mikroorganismen bietet für diese schwierige Aufgabe ein optimales Übungsfeld.

10. Rund 70 Prozent aller Erwachsenen leiden unter Darmbeschwerden

Es grummelt oder zwickt häufig im Bauch? Damit sind Sie in guter Gesellschaft: Umfragen zufolge leiden 7 von 10 Erwachsenen gelegentlich oder häufig unter Beschwerden wie Sodbrennen, Verstopfung, Blähungen oder Bauchkrämpfen. Schuld sind meist Stress, eine ungesunde Ernährung, Antibiotika und andere Medikamente. Bei Beschwerden im Analbereich wie Hämorrhoiden oder Ekzemen spielt auch unsere Intimhygiene eine bedeutsame Rolle. Die meisten Menschen betreiben heute eher zu viel des Guten: Aggressive Reinigungsmittel wie Seifen reizen die empfindliche Haut im Analbereich unnötig, auch Feuchttücher sind aufgrund der enthaltenen Chemikalien wenig empfehlenswert. Das gesündeste und hygienischste Reinigungsmittel ist reines Wasser! Ein Dusch-WC oder Bidet bietet somit zur Reinigung nach dem Toilettengang handfeste Vorteile. Wer Toilettenpapier benutzt, sollte darauf achten, eher zu tupfen als zu „wischen“, um unnötige Reibung zu vermeiden.

Magen und Darm können somit weit mehr, als Nahrung in Energie umzuwandeln und anrüchige Häufchen zu produzieren. Unsere Verdauung beeinflusst unsere Stimmung und unser Wohlbefinden auf vielfältige Weise. Der Darm ist ein wahres Wunderwerk der Natur, das wir pfleglich behandeln sollten!