Als Gelähmter Fussball spielen, weil der Roboteranzug durch Gedankenimpulse gesteuert wird? Was ein wenig wie Science Fiction klingt, könnte dank modernster Technik schon bald möglich sein! Innovative Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung helfen dabei, den Alltag autonom zu bewältigen und die schönen Seiten des Lebens zu geniessen. Wir stellen 6 ungewöhnliche Hilfsmittel vor, die eine Körperbehinderung schon bald zur Nebensache machen könnten.

Ein Closomat aus der Serie Aerolet

1. Mini-Joystick: Mit „Zungenpiercing“ Rollstuhl und Computer navigieren

Tetraplegie nennt man eine Form der Querschnittlähmung, die alle vier Gliedmassen, also Arme und Beine, betrifft. Für Tetraplegiker ist die selbstständige Bewältigung des Alltags eine besondere Herausforderung, denn sie können nur sehr wenige Körperzonen bewusst steuern. Eine davon ist die Zunge.

US-amerikanische Ingenieure haben nun eine Art Mini-Joystick entwickelt, der an der Zunge des Betroffenen befestigt wird und unterschiedliche Signale aussenden kann. Der mit Magneten und Sensoren arbeitende Bolzen ähnelt optisch einem Zungenpiercing und wird durch gezielte Zungenbewegungen gesteuert. So kann der Gelähmte beispielsweise seinen Rollstuhl navigieren, am Computer E-Mails abrufen oder Telefonanrufe entgegennehmen. Die Benutzung ist einfach und intuitiv erlernbar. Darüber hinaus funktioniert das Zungenantriebssystem präziser als die bisher üblichen Systeme, die man meist durch Saugen oder Blasen bedient hat. Der Mini-Joystick ist somit eine grosse Hilfe im Alltag der Betroffenen, die oft auf intensive Betreuung und Pflege angewiesen sind.

2. Aus dem Rollstuhl aufstehen und loslaufen: Exoskelette für Gelähmte

Buchstäblich einen Schritt weiter geht die Idee, Gelähmten mithilfe von „Aussenskeletten“ (Exoskeletten) das selbstständige Laufen zu ermöglichen. Exoskelette sind eine Art Roboteranzug mit Gelenken, der Beine und Rücken eng umschliesst und computerunterstützt durch Motoren gesteuert wird. Sensoren in den Fussplatten und an Beinen und Rücken registrieren Gewichtsverlagerungen und kleinste Bewegungsimpulse. Diese greift das System auf und verstärkt sie.

Aktuell kommen Exoskelette als Hilfsmittel für Reha-Zwecke zum Einsatz. Sie helfen beispielsweise Schlaganfall-Patienten dabei, wieder selbstständig gehen zu lernen. Der Roboteranzug leistet dabei nur einen Teil der Arbeit, der Betroffene muss mithelfen.

Systeme, die sich völlig autonom bewegen, ähnlich wie ein Rollstuhl das tut, sind aktuell erst in der Testphase. Die Programme müssen noch verfeinert werden, auch leistungsstärkere Akkus werden benötigt.

Doch die Entwicklung schreitet rasant voran: Forscher tüfteln bereits an Computer-Hirn-Schnittstellen (engl. Brain-Machine-Interface), die es Betroffenen ermöglichen könnten, ihren Roboteranzug durch reine Gedankenimpulse zu steuern. Dadurch könnten die Träume vieler gelähmter Menschen Wirklichkeit werden: einfach aus dem Rollstuhl aufzustehen und loszulaufen, wann und wo immer sie das wollen.

3. Einmal waschen und trocknen bitte: Die Toilette mit Po-Service

Roboteranzüge sind derzeit noch Zukunftsmusik. Heute sind viele Betroffene froh, wenn sie zumindest ihren Alltag so autonom und selbstbestimmt wie möglich bewältigen. Ein besonders heikles Thema ist dabei die Körperhygiene. Niemand ist gern auf Hilfe beim Duschen, Waschen oder gar beim Toilettengang angewiesen. Das sind Eingriffe in die Intimsphäre, durch die sich viele Betroffene in ihrer Menschenwürde verletzt fühlen.

Eine grosse Erleichterung stellen in dieser Situation Toiletten mit Dusch- und Föhn-Funktion dar. Sie säubern den Intimbereich völlig automatisch mit einem gezielten Wasserstrahl und föhnen die Haut anschliessend trocken. So wird jede „Handarbeit“ unnötig.

Barrierefreie Dusch-WCs lassen sich über angepasste Bedienelemente auch von motorisch stark eingeschränkten Menschen steuern. Es stehen beispielsweise Ellbogentaster oder Rückenschienen mit Spezialknöpfen zur Verfügung. Spezielle Zubehör-Komponenten wie elektrische Aufstehhilfen unterstützen den Positionswechsel. So können viele behinderte Menschen, die bisher auf Hilfe angewiesen waren, endlich wieder selbstständig eine Toilette benutzen. Für Betroffene bedeutet das ein grosses Stück Würde und Selbstbestimmung!

4. Mit neuen Augen sehen: Umwelterkennungs-Systeme für Blinde

Digitale Steuerungssysteme übernehmen schon im Alltag gesunder Menschen immer mehr Aufgaben. Besondere Chancen bieten die smarten Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung. So gibt es mittlerweile spezielle Smartphone-Apps für blinde und sehbehinderte Menschen, die mithilfe von Kameras laufend die Umgebung scannen und die Eindrücke in akustische Signale übersetzen.

Die Anwendungen sind in den letzten Jahren immer „intelligenter“ geworden: Eine Gesichtserkennungs-Software identifiziert Freunde und Bekannte oder liest Emotionen aus dem Gesicht des Gegenübers ab. Ein Barcode-Scanner sucht die gewünschten Produkte im Supermarkt, und dank Texterkennungs-Software übersetzt das Smartphone zuverlässig Strassenschilder, Briefe oder die Speisekarte im Restaurant. Das macht es für Sehbehinderte noch einfacher, sich „blind“ in ihrer Umgebung zurecht zu finden.

5. Vibrationen gegen das Zittern: Innovative Hilfsmittel für Parkinson-Erkrankte

Parkinson ist eine fortschreitende, bisher unheilbare Nervenerkrankung, die vorwiegend ältere Menschen betrifft. Immerhin 2 Prozent aller Patienten erkranken bereits vor dem 40. Lebensjahr. Das für die Krankheit typische Muskelzittern bewirkt, dass Betroffene ihre Feinmotorik immer schwerer steuern können. Tätigkeit wie Schreiben, sich Ankleiden oder Essen werden so zur Herausforderung.

Innovative Hilfsmittel könnten es Betroffenen künftig erleichtern, eine „ruhige Hand“ zu bewahren. Forscher haben beispielsweise ein Armband entwickelt, das äusserlich wie ein Fitnesstracker aussieht. Sein Innenleben enthält Sensoren und Vibrationsmotoren, die das Zittern der Hand wahrnehmen und durch gezielte Vibrationen gegensteuern. Dadurch können Betroffene selbst bei weit fortgeschrittener Symptomatik wieder selbstständig ein Smartphone bedienen oder leserlich schreiben.

Auch der bekannte Wildtier-Fotograf David Plummer kann dank moderner Technik weiterhin seinen Beruf ausüben. Der seit 2009 an Parkinson Erkrankte benutzt eine spezielle Kamera, die sein Muskelzittern ausgleicht und ihm so gestochen scharfe Bilder ermöglicht. Die Erlöse aus einem 2017 erschienenen Bildband hat der preisgekrönte Fotograf der Deutschen Parkinson-Gesellschaft gespendet.

6. Hinfallen, weich landen, aufstehen: Der Gürtel mit Airbag

Stürze im Alltag sind eine wesentliche Gefahrenquelle für ältere oder gehbehinderte Menschen. Ein US-amerikanisches Start-up tüftelt derzeit an einem Gürtel, der dank Bewegungssensoren einen herannahenden Sturz erkennt und sich in weniger als 0,3 Sekunden in einen Airbag verwandelt. Das soll schwere Verletzungen wie Knochenbrüche verhindern. Zugleich kann das System Angehörige oder Pflegekräfte benachrichtigen und so für rasche Hilfe sorgen.

Bis der Gürtel mit Airbag marktreif ist, wird es noch ein wenig dauern. Nützen würde das System vor allem älteren und gehbehinderten Menschen, Epileptikern und allen, die aufgrund ihrer Erkrankung oder Behinderung häufig stürzen.

Selbstbestimmt leben dank moderner Technik

Innovative Hilfsmittel für Menschen mit Behinderung machen den Alltag Stück für Stück barrierefreier – und damit lebenswerter. Einige davon, wie beispielsweise das Dusch-WC oder die Smartphone-Apps für Blinde, haben den Praxistest bereits bestanden. Andere, wie etwa der Gürtel mit Airbag oder gedankengesteuerte Exoskelette, befinden sich aktuell sich noch in der Entwicklungsphase. Doch Forscher aus aller Welt arbeiten Tag für Tag daran, die ambitionierten Systeme zur Marktreife zu führen. Eine riesige Chance und Hoffnung für die rund 1,2 Milliarden Menschen weltweit, die mit einer Behinderung leben!