Einmal täglich duschen: Was für uns heute selbstverständlich ist, war noch vor wenigen Jahrhunderten unüblich, ja sogar verpönt. Der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. soll mit zwei Vollbädern ausgekommen sein – lebenslang! Keine Frage, auch sanitäre Gewohnheiten sind ein Kind der Zeit. Lesen Sie hier, wie sich unsere Körperhygiene im Laufe der letzten Jahrhunderte gewandelt hat und wohin die Reise in Zukunft gehen könnte.

Körperhygiene @ Alena Ozerova/shutterstock

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Renaissance: Wasser als Gefahr

Wasser gilt für uns heute als Inbegriff von Sauberkeit und Reinheit. Ganz anders in der Renaissance: Damals mied es selbst die gebildete Oberschicht wie der Teufel das Weihwasser. Der Grund waren die aus heutiger Sicht grotesken Krankheitstheorien. Man nahm an, dass zusammen mit dem Wasser über die Hautporen Krankheiten in den Körper eindringen würden. Deshalb „wusch“ man sich lieber mit Parfum, Ölen und Puder. Das verstopfte zusammen mit Schmutz und Schweiss die Poren und überdeckte zumindest für kurze Zeit üble Gerüche.

Um den verbreiteten Parasiten Herr zu werden, trug man mit Lockstoffen gefüllte Flohfallen am Körper. Beliebt waren auch alte Heringsköpfe im Bett. Denn man glaubte, dass der Gestank selbst für das Ungeziefer schwer auszuhalten sei.

19. Jahrhundert: Der Siegeszug der Wissenschaft

Erst im 19. Jahrhundert begann sich die aus heutiger Sicht verheerende Körperhygiene langsam zu ändern. Eine entscheidende Rolle spielten die Forschungen von Louis Pasteur und Robert Koch. Diese beiden Gelehrten wiesen nach, dass Kleinstlebewesen (Mikroorganismen) die wahre Ursache von Krankheiten waren. Bald wurde klar, dass gegen die Krankheitserreger vor allem Wasser und Seife half. Damit war Wasser als Mittel zur Körperhygiene rehabilitiert.

Amerikaner als „Saubermänner“

Doch es brauchte seine Zeit, bis diese wissenschaftlichen Erkenntnisse auch Eingang in das Alltagsleben fanden. Jenseits des Ozeans ging das etwas rascher als in Europa. Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten immer mehr Europäer in die Vereinigten Staaten aus. Dort versammelten sich die ärmlichen Immigranten oft in Elendsquartieren ohne Fließwasser und Toiletten. Bald griffen Infektionskrankheiten wie Cholera, Pocken und Typhus um sich. Um den Seuchen Herr zu werden, stellte man die Neuankömmlinge kurzerhand unter die Dusche, kaum dass sie amerikanischen Boden betreten hatten. Für viele soll es die erste Dusche ihres Lebens gewesen sein.

Körperhygiene und sozialer Status waren in den USA bald untrennbar miteinander verbunden: Wer etwas auf sich hielt, nahm täglich eine Dusche oder ein Bad. Bereits in den 1930er-Jahren verfügten 90 Prozent der New Yorker Wohnungen über ein abgetrenntes Badezimmer.

20. Jahrhundert: Körperhygiene-Wahn und Allergien

Doch mit der Sauberkeit kann man es auch übertreiben. Das zumindest meint die Körperhygiene-Expertin Katherine Ashenburg, die ein Buch über die „ungereinigte Geschichte des Waschens“ geschrieben hat. Sie diagnostiziert ein geradezu „hysterisches“ Verhältnis zu Körperhygiene und Sauberkeit, das ab den 1950er-Jahren um sich zu greifen begann. Jede Art von Körpergeruch wurde zum Tabu. Zugleich breitete sich die Angst vor Keimen aus. Ob Toilette, Badezimmer oder der eigene Körper: Alles sollte möglichst blitzblank und keimfrei sein.

Dabei weiß man heute, dass übertriebene Hygiene eher schädlich ist. Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, leiden wesentlich seltener unter Allergien als Kinder in hypersauberen, „keimfreien“ Haushalten. Denn wenn unser Immunsystem unterfordert ist, sucht es sich gerne einmal andere Feinde und bekämpft dann eifrig harmlose Pollen oder Tierhaare.

Unterstützt wurde der Reinlichkeitswahn in den USA und später in Europa auch durch die modernen Medien. Bereits im frühen 20. Jahrhundert begann in Amerika der Siegeszug des Fernsehens und mit ihm die Fernseh-Reklame. Der allererste TV-Spot machte Werbung für Seife. Und die „Seifenopern“ am Nachmittag bekamen ihren Namen, weil sie laufend von Waschmittel-Werbungen unterbrochen wurden.

Intimhygiene als Tabu

Doch während TV-Spots für Seife und Waschmittel hemmungslos über den Bildschirm flimmerten, brauchte es seine Zeit, bis auch Produkte zur Intimhygiene salonfähig wurden. Im frühen 20. Jahrhundert waren ausgediente Zeitungen auf der Toilette weit verbreitet. Man zerriss sie in handliche Stücke, die man auf einem Haken befestigte. Der Deutsche Hans Klenk hatte die Idee, mit speziellem Papier für die Toilette ein Geschäft aufzubauen. Er gründete die Firma Hakle und brachte handliche Rollen mit geschnittenem Papier auf den Markt.

Obwohl die Menschen das Produkt als praktisch empfanden, hatte es zunächst einen schweren Stand. Denn es galt als peinlich, in einem Geschäft nach Toilettenpapier zu fragen. Auch Damenhygiene-Artikel wanderten nur diskret in Zeitungspapier verpackt über den Ladentisch.

Das verklemmte Verhältnis zur Intimhygiene begann sich erst in den 1960er- und 1970er-Jahren schrittweise zu lockern. Jetzt wurde es immerhin „normal“, Toilettenpapier oder Hygiene-Artikel zu kaufen. Doch noch im Jahr 1977 weigerten sich einige Radiostationen, einen Werbespot für ein neues Toilettenpapier auszustrahlen, weil man darin eine WC-Spülung rauschen hörte.

21. Jahrhundert: Umgang mit Körperhygiene wird entspannter

Zwar ist der Umgang mit Körperlichkeit und Sexualität in den letzten Jahrzehnten offener geworden, doch nach wie vor ist der Bereich „unter der Gürtellinie“ oft eines der letzten Tabus. Mal ehrlich: Würden Sie in der Apotheke mit beherzter Stimme nach Intimhygiene-Produkten fragen, während andere Kunden direkt hinter Ihnen in der Schlange stehen?

Intimhygiene: Die letzte Bastion der „Trockenwäsche“?

Vielleicht hat es mit dem weit verbreiteten Schamgefühl zu tun, dass wir uns mit der richtigen Intimhygiene immer noch schwer tun. Viele Menschen schrubben „untenrum“ mit Seife oder feuchtem Toilettenpapier, was Ekzeme oder sogar Allergien auslösen kann. Andere rücken mit Intimparfums jedem Anflug von Körpergeruch zu Leibe und zerstören damit die natürliche Hautbarriere, was Keimen erst recht Vorschub leistet.

Interessant ist auch, dass wir unseren Intimbereich nach dem Toilettengang nach wie vor meist „trocken“ waschen, während wir zur Reinigung des restlichen Körpers ganz selbstverständlich die Dusche nutzen.

Dusch-WCs als Beitrag zu mehr Lebensqualität

Gewohnheiten, die tief verwurzelt sind, ändern sich nur langsam. So ist es auch bei der Körperhygiene: Ärzte empfehlen einhellig Wasser zur Reinigung des Intimbereichs. Denn nur Wasser reinigt absolut gründlich und ist zugleich sanft zur Haut: Weder entsteht Reibung, noch kommt der empfindliche Intimbereich mit Chemikalien in Berührung. Doch aus purer Gewohnheit greifen wir meist nach wie vor zum Toilettenpapier – genauso wie die Menschen in der Renaissance zu Puder und Parfum.

Wer jedoch einmal ein Dusch-WC ausprobiert hat, ist erstaunt, wie angenehm und wohltuend die Wasserreinigung im Intimbereich sein kann! Man fühlt sich erfrischt und rundum sauber. Vielleicht setzt also im 21. Jahrhundert langsam ein Kulturwandel in unseren Badezimmern ein. Die gute alte Toilettenpapierrolle – sie hat sich nach knapp 100 Jahren einen Platz im Museum verdient!