Wenn Pflegebedürftige keine Kontrolle mehr über ihre Körpergrenzen haben, kann das massive Scham, aber auch Gefühle von Hilflosigkeit, Wut oder Selbstekel hervorrufen. Grenzüberschreitungen sind in Pflegesituationen oft unvermeidbar – und für Pflegende meist ebenso belastend. Beide Seiten haben denselben Wunsch: die Würde und Intimsphäre der Betroffenen bei der Körperpflege so weit als möglich zu wahren. Dazu braucht es neben Feingefühl vor allem Know-how und geeignete Hilfsmittel – ein Überblick.

Pflegebedürftige und ihr Anrecht auf Intimsphäre: So gelingt würdevolle Körperpflege

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Intimsphäre im Pflegealltag wahren: Ein heikler Balanceakt

Jeder Mensch hat das grundlegende Bedürfnis, sich satt, warm und sauber zu fühlen. Solange wir es können, sorgen wir dafür als Erwachsene selbst. Essen, Körperhygiene und Toilettengang sind höchst persönliche Angelegenheiten, in die wir wenig fremde Einmischung dulden.

Ist ein Mensch dazu nicht mehr in der Lage, entsteht für alle Beteiligten ein schwer lösbares Dilemma: Wie die grundlegenden Körperbedürfnisse sicherstellen, ohne zugleich intime Grenzen zu überschreiten? Eingriffe in die Intimsphäre sind in vielen Pflegesituationen unvermeidbar. Umso wichtiger ist es, sie auf das Nötigste zu beschränken und die Eigenständigkeit Pflegebedürftiger so weit als möglich zu fördern.

Selbstständigkeit fördern – Pflegebedarf verringern

Das ist schliesslich eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten: die Pflegebedürftigen müssen weniger entwürdigende Eingriffe in ihre Intimsphäre hinnehmen. Angehörige oder professionelle Pflegekräfte wiederum werden von körperlich und psychisch anstrengenden und oft zeitintensiven Routinearbeiten entlastet. Die folgenden Hilfsmittel können Pflegebedürftige dabei unterstützen, ihren Alltag möglichst selbstständig zu bewältigen:

Barrierefreie Dusche erleichtert die Körperpflege

In Pflegeeinrichtungen sind sie mittlerweile Standard – bodengleiche Duschen, die mit Rollstuhl oder Rollator befahrbar sind. Behindertengerecht wird die Dusche durch seitliche Haltegriffe, Duschhocker, rutschhemmenden Bodenbelag sowie einem Lifter zum Umsetzen von Rollstuhl. Viele Pflegebedürftige können mit diesen Hilfen völlig selbstständig duschen. Auch die Intimreinigung ist auf dem Duschhocker leichter selbst durchzuführen als vor dem Waschbecken. In Privatwohnungen ist die Einrichtung einer barrierefreien Dusche meist ebenso möglich. Lediglich bei einem sehr beschränkten Platzangebot kann der Umbau schwierig sein.

Badewannenlifter oder Badekissen

Ist in Privathaushalten nur eine Badewanne vorhanden, bietet sich alternativ auch ein Badewannenlift an. Dabei handelt es sich um einen per Hebeeinrichtung absenkbaren Stuhl, der im Idealfall schwenkbar sein sollte, um ein einfaches Umsetzen vom Rollstuhl zu ermöglichen. Eine ähnliche Funktion erfüllen aufblasbare Luftkissen, bei denen sich die Sitzhöhe per Kompressor steuern lässt. Sie werden oft als mobile Lösung auf Reisen genutzt.

Dusch-WC als hygienisches Multitalent für Pflegebedürftige

Beim Toilettengang fremde Hilfe zu benötigen ist für die meisten Pflegebedürftigen besonders schambesetzt. Auch vielen Pflegenden ist die Situation unangenehm, denn Ekel vor fremden Ausscheidungen ist etwas ganz Natürliches und lässt sich selbst durch langjährige Pflegeroutine schwer „abtrainieren“. Eine enorme Erleichterung im Pflegealltag sind daher Dusch-WCs, die auch von Rollstuhlfahrern mithilfe von Liftern und Aufstehhilfen selbstständig benutzt werden können.

Dusch-WCs reinigen den Intimbereich nach dem Toilettengang völlig selbsttätig, jede Vor- oder Nachreinigung per Hand wird unnötig. Ein integrierter Warmluftföhn trocknet anschliessend die Haut. Auch Pflegebedürftige mit motorischen Einschränkungen der Arme (z.B. Schlaganfallpatienten, Muskelschwäche) können auf diese Weise selbstständig die Toilette benutzen. Dusch-WCs geben Betroffenen somit ein grosses Stück Würde und Selbstbestimmung im Alltag zurück.

Ess- und Trinkhilfen zur Bewahrung der Selbstständigkeit

Auch der Mund zählt zu den „intimen Zonen“! Das Eingeben von Essen empfinden viele Pflegebedürftige als entwürdigend. Um trotz eingeschränkter Beweglichkeit oder Tremor (Zittern) selbstständig zu essen, können Hilfsmittel wie gewinkeltes Besteck, Trinkbecher mit speziellen Griffflächen oder Essgeschirr mit Saugfüssen hilfreich sein. Viele Speisen lassen sich auch problemlos mit den Fingern essen, wenn der Umgang mit Essbesteck schwer fällt, wie es häufig bei Demenz-Patienten der Fall ist.

Intimsphäre in Pflegeeinrichtungen – auch eine Frage der Einstellung

Auch in bestens ausgestatteten Pflegeeinrichtungen passiert es immer wieder, dass die Intimsphäre von pflegebedürftigen Bewohnern missachtet wird – sei es aus Zeitdruck, organisatorischen Zwängen oder „Betriebsblindheit“ von Pflegenden. Ebenso wichtig wie technische Hilfsmittel ist daher das „Mindset“ des Personals! Die folgenden Grundregeln sollten in jeder Pflegeeinrichtung selbstverständlich sein:

  • Vor dem Eintreten in das Zimmer des Pflegebedürftigen wird geklopft und dessen Erlaubnis abgewartet.
  • Die Körperpflege sollte möglichst eine Bezugspflegekraft übernehmen. Ständig wechselnde Pflegekräfte machen die Situation für Pflegebedürftige noch belastender.
  • Auf Wunsch wird eine Körperpflege durch gleichgeschlechtliches Personal ermöglicht.
  • Während der Körperpflege haben andere Mitarbeiter oder Bewohner keinen Zutritt zum Raum. In Mehrbettzimmern können mobile Trennwände den Schutz der Intimsphäre sicherstellen.
  • Berührungen oder das Wegziehen der Bettdecke werden immer angekündigt.
  • Bei der Körperpflege im Bett werden immer nur einzelne Körperteile entblösst oder aufgedeckt.
  • Der Pflegebedürftige darf seinen Intimbereich selbst waschen, solange er das kann.
  • Unvermeidbare Berührungen des Intimbereichs oder der weiblichen Brüste im Rahmen der Körperpflege werden angekündigt.
  • Kästen, Schubladen, Nachtkästchen oder Taschen des Bewohners werden vom Pflegepersonal nur nach ausdrücklicher Erlaubnis geöffnet.
    Würdevolle Pflege zu Hause – Tipps für Angehörige

Pflegende Angehörige haben mit speziellen Herausforderungen zu kämpfen: Es kann befremdlich sein, die eigene Mutter, den Vater oder den Partner waschen, auf die Toilette begleiten oder gar wickeln zu müssen. Vielen macht dabei das eigene Schamgefühl zu schaffen – und das Wissen, dass der oder die Pflegebedürftige sich ebenfalls schämt.

Hilfreiche Tipps bei der praktischen Umsetzung im Alltag mit Pflegebedürftigen

Was immer hilfreich ist: Sprechen Sie Ihr Schamgefühl an, selbst wenn der pflegebedürftige Angehörige vielleicht aufgrund einer Demenz geistig eingeschränkt ist. Oft nimmt das bereits viel Spannung aus der Situation. Auch folgende Tipps können hilfreich sein:

  • Sorgen Sie dafür, dass Sie bei der Körperhygiene ungestört sind und ausreichend Zeit haben.
  • Lassen Sie den Angehörigen so viel wie möglich selbst tun. Das fördert sein Gefühl von Selbstbestimmung und Würde.
  • Besonders das Waschen des Intimbereichs sollten Sie dem Pflegebedürftigen überlassen, solange es geht. Andernfalls informieren Sie Ihren Angehörigen über jeden Schritt und fragen, ob es in Ordnung ist. Manchen Pflegebedürftigen ist es allerdings angenehmer, wenn Sie stattdessen über ein anderes Thema sprechen und die Intimreinigung beiläufig nebenbei erledigen.
  • Verlassen Sie kurz den Raum, während der Pflegebedürftige auf der Toilette seine Ausscheidungen verrichtet.
  • Arbeiten Sie bei der Intimhygiene mit Einmalhandschuhen und Einmalwaschlappen. Das ist hygienischer und verschafft Ihnen ein Gefühl von Distanz.
  • Suchen Sie eine professionelle Pflegeberatung auf. Dort kann man Sie auch über geeignete Hilfsmittel und mögliche Förderungen für einen behindertengerechten Umbau Ihrer Wohnung beraten.

Achten Sie unbedingt auf Ihre eigenen Belastungsgrenzen! Sie können sich bei der Körperpflege auch von mobilen Pflegediensten unter die Arme greifen lassen. Manchmal empfinden es sowohl Angehörige als auch Pflegebedürftige entlastend, wenn ein Aussenstehender das Duschen und die Intimhygiene übernimmt.