Man könnte denken, die sanitären Standards seien überall in der westlichen Welt gleich. Weit gefehlt: Japanische Toiletten haben mit dem europäischen Standard-WC ungefähr so viel gemeinsam wie ein moderner Düsenjet mit einem Zeppelin. Doch auch hierzulande gewinnen innovative Varianten wie Dusch-WCs – die Symbiose aus Bidet und Toilette – immer mehr Anhänger. Ein kurzer Streifzug durch die Welt moderner Toiletten.

Japanische Toilette © Aleksandrs Muiznieks/ Shutterstock.com

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Trocken- oder Nassreinigung? Eine Frage der Kultur

Es ist ein kleines Paradoxon: Zwar plätschert aus unseren WCs – wörtlich „Water Closets“ – täglich jede Menge Trinkwasser den Abfluss hinunter, um unsere Hinterlassenschaften fortzuspülen. Unser Hintern indessen muss meist mit rauem Toilettenpapier Vorlieb nehmen. Doch das ist vor allem eine Eigenheit der westlichen Kultur. In weiten Teilen der Welt ist es seit jeher üblich, den Po mit Wasser zu reinigen – so zum Beispiel in Indien und den arabischen Ländern.

Doch langsam vollzieht sich auch in unseren Breiten ein Kulturwandel. Zwar konnte sich das Bidet, das französische Sitz-Waschbecken, hierzulande nie so richtig durchsetzen – ganz im Gegensatz zu Italien, wo es sich in 97 Prozent der Bäder befindet! Doch immerhin 10 Prozent aller Schweizer Haushalte verfügen bereits über ein sogenanntes Dusch-WC. Und auch die futuristischen japanischen Toiletten drängen zunehmend auf den Markt. Was können die verschiedenen Modelle und was unterscheidet sie?

Erst das Geschäft, dann ab zur Waschstation: Das Bidet

Im 18. Jahrhundert durfte es in keinem französischen Adelshaushalt fehlen: das Bidet, ein Sitzwaschbecken zur Reinigung des Intimbereichs. Heute gilt es weniger als Prestige-Objekt, sondern eher als ein wenig antiquiert.

Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Bidets:

In seiner ursprünglichen Form ist das Bidet einfach ein in Sitzhöhe montiertes Waschbecken mit einem Wasserhahn. Auch wenn es äusserlich ein wenig einer Toilette ähnelt, dient es ausschliesslich zur Reinigung des Genitalbereichs nach erledigtem Geschäft. Dazu lässt man Wasser in das Becken ein, setzt sich auf den Beckenrand und wäscht sich ganz einfach per Hand oder – etwas weniger hygienisch – mit dem Waschlappen.

Moderne Bidets haben anstatt eines Wasserhahns eine Wasserdüse, der Wasserstrahl kommt ähnlich wie bei einem Springbrunnen „von unten“. Ist er kräftig genug, lässt sich auf Handeinsatz auch verzichten.

Was sind die Vorteile des Bidets?

  • Das Bidet erlaubt eine einfache, schonende Reinigung des Anal- und Intimbereichs. Vor allem für empfindliche, wunde Haut ist reines Wasser wesentlich besser als Papier.
  • Ein Bidet ist einfach montiert und benötigt nur einen Wasseranschluss, keinen Stromanschluss.

Nachteilig ist:

  • Bidets kann man nur zusätzlich zur Toilette nutzen. Sie beanspruchen daher Platz, der im Badezimmer oft ohnehin knapp ist.
  • Einfache Bidets mit Wasserhahn sind zudem etwas weniger hygienisch, weil man zum Waschen die eigenen Hände einsetzt.

Eine ur-schweizerische Erfindung: Das Dusch-WC

Dusch-WCs sind Toilette und Bidet in einem – sozusagen das Schweizer Messer unter den Sanitäranlagen.

Und tatsächlich: Erfunden hat das Dusch-WC ein Schweizer. Der Maschinenbau-Konstrukteur Hans Maurer hat bereits im Jahr 1956 eines Nachts im Schlaf von einem WC mit Waschmöglichkeit geträumt. Am nächsten Morgen war er von der Idee so angetan, dass er sofort an ihrer Umsetzung zu tüfteln begann. Unter der Bezeichnung „Closomat“ fand das Dusch-WC ab den 1960er-Jahren zunehmend in Schweizer Haushalten Verbreitung.

Das Herzstück jedes Dusch-WCs ist ein Düsensystem, das einen kraftvollen Duschstrahl von unten erzeugt. Nach dem Toilettengang fahren die Düsen auf Knopfdruck aus und übernehmen die sanfte, gründliche Reinigung des Pos. Viele Modelle verfügen über eine zusätzliche „Ladydusche“ mit leicht nach hinten geneigtem Strahl, zur schonenden Reinigung der weiblichen Genitalien. Temperatur und Intensität des Duschstrahls sind in der Regel individuell einstellbar, viele Modelle verfügen über zusätzliche Wellness-Funktionen wie einen pulsierenden Strahl.

Nach der Dusche übernimmt ein Warmluftföhn die Trocknung des Intimbereichs, Toilettenpapier oder Handtücher sind also unnötig. Beliebt ist auch die hoch effektive Geruchsabsaugungs-Funktion direkt am Schüsselrand – so bleibt anderen Toilettenbenutzern „dicke Luft“ erspart.
Ebenfalls praktisch: die automatische Sitzerkennung, um unbeabsichtigte Wasserfontänen zu vermeiden.

Darüber hinaus sind Varianten mit elektronisch gesteuerter Liftfunktion am Markt, die es auch motorisch eingeschränkten Personen ermöglichen, selbstständig die Toilette zu benutzen.

Zu steuern sind Dusch-WCs entweder über (wenige) seitliche Tasten oder eine Fernbedienung. Wer es noch bequemer haben will, wählt ein Modell mit grossen Ellbogentasten im Rückenbereich.

Die Vorteile des Dusch-WCs auf einen Blick:

  • Dusch-WCs ermöglichen eine rasche, gründliche und berührungslose Reinigung des Pos und erfüllen daher höchste Hygiene-Standards.
  • Frisches Wasser ist im Gegensatz zu Toilettenpapier besonders sanft zu empfindlicher Haut – optimal für Personen, die zu Hämorrhoiden, Analekzemen oder Fissuren neigen.
  • Moderne Dusch-WCs lassen sich über nur wenige Tasten einfach und intuitiv bedienen. Damit vereinen sie hohe Funktionalität mit hohem Komfort.

Die Nachteile des Dusch-WCs:

  • Moderne Varianten benötigen neben einem Wasser- auch einen Stromanschluss.
  • Gegenüber Bidets sind Dusch-WCs teurer, qualitativ hochwertige Modelle halten dafür praktisch ein Leben lang

Viel Pipapo für den Po: Die japanische Toilette

Wer als Europäer unvorbereitet eine moderne japanische Toilette betritt, glaubt sich fast in einer Raumstation: Bis zu 20 Knöpfe und blinkende Lichter sorgen für Überraschung – und oft für die brennende Frage: Wo ist hier bitteschön der Spülknopf?!

Im technikverliebten Japan verfügen mittlerweile bereits 80 Prozent aller Haushalte über ein sogenanntes Washlet, die japanische Version des Dusch-WCs. Die Grundfunktionen der japanischen Toilette sind mit denen des europäischen Dusch-WCs vergleichbar. Ein erster Unterschied liegt in der Bedienung: Für japanische Toiletten gilt vielfach das Motto „High-Tech ist Trumpf“ – selbst wenn das manchmal zu Lasten der Bedienungsfreundlichkeit geht. So mancher ahnungslose Europäer soll in japanischen Toiletten bereits eine unfreiwillige Dusche abbekommen haben.

Zum anderen warten japanische Toiletten oft durch eine Reihe von Zusatzfunktionen auf, wie etwa:

  • Deo-Funktion: Sollten trotz Geruchsabsaugung unangenehme Gerüche verbleiben, sorgt ein Deo-Sprühstoss für frische Blüten- oder Zitrusaromen.
  • Geräuschfunktion: Eine überaus wichtige Funktion der japanischen Toilette ist „Otohime“, zu deutsch die „Geräuschprinzessin“. Sie erzeugt während der Benützung eine permanente Klangkulisse. Mögliche Geräusche am WC sind vor allem den Japanerinnen nämlich so peinlich, dass sie auf normalen Toiletten fortwährend die Spülung betätigen und so jede Menge Wasser verschwenden.
  • Eingebautes Waschbecken: Das zum Händewaschen verwendete Wasser gelangt anschliessend zu seinem zweiten Bestimmungsort – der Toilettenspülung. So wird Wasser gespart.
  • Medizinische Sensoren: Die neueste Errungenschaft bei japanischen Toiletten sind Sensoren, die medizinische Werte wie etwa den Blutzuckerspiegel aus dem Urin erheben und Alarm schlagen, sobald etwas ausserhalb der Norm ist.

Die Vorteile der japanischen Toilette auf einen Blick:

  • Die Vielzahl an Funktionen lässt keine Wünsche offen – man gönnt sich ja sonst nichts.
  • Dank „smarter“ Elektronik ist die japanische Toilette vergleichsweise wasser- und stromsparend.

Die Nachteile der japanischen Toilette:

  • Ein simples Bedürfnis zu erledigen wird auf einer japanischen Toilette zu einer ziemlich komplizierten Angelegenheit. Unerfahrene Benutzer sind mit der Vielzahl an Knöpfen und Tasten häufig überfordert.
  • Fraglich ist, ob die zahlreichen Extra-Funktionen im Alltag wirklich genutzt werden oder es sich eher um verzichtbaren Luxus handelt.

Ob Bidet, Dusch-WC oder japanische Toilette…

… Gemeinsam ist allen diesen Sanitäranlagen, dass sie Wasser dort einsetzen, wo es wirklich sinnvoll ist, nämlich zur gründlichen Reinigung unseres Pos. Denn der hat mehr als raues Toilettenpapier verdient!